Am 5. Oktober 1976 begann eine Geschichte, die zwei Jahre später zum Kulturzentrum Schlachthof führen sollte: Heute vor 50 Jahren wurde der „Verein zur Förderung des Kultur- und Arbeitszentrums Reitstall e. V.“ gegründet. Ein ziemlich langer Name für eine Idee, die sich erstaunlich kurz zusammenfassen lässt: In der Kasseler Nordstadt sollte ein Ort entstehen, der sich an den Menschen, ihrem Alltag und ihren Bedürfnissen orientiert.
Und wer heute einen Blick in die alten Unterlagen wirft, merkt schnell: Vieles klingt überraschend vertraut.
Erst einmal: drei Stunden über die Satzung reden
Die Gründungsversammlung fand am 5. Oktober 1976 in Kassel statt. Norbert Reif wurde zum Gründungsvorsitzenden gewählt, Bettina Dausien führte Protokoll. Danach ging es direkt ans Eingemachte: Laut Gründungsprotokoll wurde drei Stunden lang über den Satzungsentwurf diskutiert, bevor die endgültige Fassung feststand.
Wer also dachte, lange Abstimmungsprozesse seien eine Erfindung moderner Organisationsentwicklung: Wir können das offenbar schon seit 1976!
Anschließend wurde per Handzeichen der erste Vorstand gewählt: Volker Bley zum ersten Vorsitzenden, Peter Alheit zum zweiten Vorsitzenden, Helmut Lange zum Kassenwart, Norbert Reif zum Schriftführer und Alf-Harm Wedewen zum Arbeitsgruppenkoordinator. Die Satzung selbst wurde schließlich von allen Gründungsmitgliedern einstimmig angenommen.
Ein leer werdender Reitstall – und ziemlich viel Fantasie
Das eigentliche Ziel waren damals noch nicht die heutigen Schlachthof-Gebäude, sondern der Reitstall an der Weserspitze. In einem Schreiben an den Magistrat der Stadt Kassel vom 26. Oktober 1976 heißt es, der Antrag sei bewusst etwas „ungewöhnlich“ ausgefallen. Man wolle nicht mit „bierernster Miene“ Lobbyinteressen vertreten, sondern „mit sehr konkreten Vorstellungen und mit Phantasie die Interessen eines Stadtteils“.
Auch die Ausgangslage wurde ausgesprochen pragmatisch beschrieben: Der Reitstall werde frei, Nachmieter seien nicht gefunden – warum also nicht ein Kultur- und Arbeitszentrum daraus machen?
Diese Mischung aus gesellschaftlichem Anspruch, Pragmatismus und dem Gedanken Da ist ein Raum – was könnten wir daraus machen? kommt uns auch heute irgendwie bekannt vor - Soziokultur in Reinkultur!
Erstaunlich aktuell: für den Stadtteil und nicht an ihm vorbei
Noch spannender ist ein Blick auf die damaligen Grundsätze. Im Gründungsprotokoll wird beschrieben, welche Initiativen und Institutionen im Verein Platz finden sollten. Sie sollten unter anderem
- stadtteilbezogen arbeiten,
- sich an den alltäglichen Interessen und Bedürfnissen der Bevölkerung orientieren,
- möglichst von dieser Bevölkerung mitgetragen werden,
- nicht starr auf einzelne Zielgruppen fixiert sein und
- die Nordstadtbevölkerung ansprechen.
Der Verein wollte ausdrücklich weder ein reines Gewerkschafts- noch ein Studentenzentrum werden, sondern ein Ort für den Stadtteil.
Fast 50 Jahre später verändern sich natürlich Themen, Angebote und Begriffe. Aber die Grundidee – Menschen zusammenzubringen, Zugänge zu schaffen und auf das zu reagieren, was im Stadtteil gebraucht wird – zieht sich ziemlich deutlich durch die Geschichte.
Und der Schlachthof?
Der Vor-Verein von 1976 bereitet den Geburtstag unseres heutigen Kulturzentrums vor. Der reguläre 50. Geburtstag des Kulturzentrum Schlachthof e.V. mit Einzug in die Schlachthofgebäude steht 2028 an. Bis dahin wollen wir die Zeit nutzen und uns Stück für Stück auf Spurensuche begeben: alte Dokumente hervorholen, Geschichten erzählen, Erinnerungen sammeln und gemeinsam überlegen, wie wir unser Jubiläumsjahr gestalten wollen. Denn 50 Jahre Schlachthof sollen nicht nur ein einzelner Geburtstag werden, sondern ein Geburtstagsjahr mit verschiedenen Aktionen und Momenten.
Und dafür brauchen wir euch: Welche Ideen habt ihr für 2028? Gibt es eine Veranstaltung, die unbedingt wiederbelebt werden sollte? Eine Ausstellung, ein Fest, Begegnungen mit ehemaligen Kolleg:innen und Wegbegleiter:innen, eine Zeitreise durch 50 Jahre Schlachthof – oder etwas ganz anderes? Schickt uns eure Vorschläge. Noch ist genügend Zeit, aus vielen Ideen ein Jubiläumsjahr zu machen, das genauso vielfältig wird wie der Schlachthof selbst!
Heute aber sagen wir erst einmal: Alles Gute zum 50., lieber Vor-Verein!
Ohne drei Stunden Satzungsdiskussion, ein paar Handzeichen und eine ziemlich große Portion Fantasie hätte die Geschichte vielleicht ganz anders begonnen…