Geschlossen stehen wir für Vielfalt

Am Donnerstag, dem 20.02.2025, schloss das Kulturzentrum Schlachthof für einen Tag seine Türen. Drei Tage vor der Bundestagswahl, in einem Wahlkampf, der von einer oft unsachlich und undifferenziert geführten Migrationsdebatte beherrscht wird, setzten wir ein Zeichen für eine lebendige Demokratie und ein solidarisches Miteinander. Die Mehrheit unserer rund 160 Mitarbeiter*innen hat eine Migrationsgeschichte. Mit unserer Arbeit unterstützen wir tagtäglich rund 1.000 Menschen bei der Bewältigung sozialer Herausforderungen und bei einer gelungenen Integration.
Der Schlachthof in der Mombachstraße war komplett mit Absperrband verschlossen, die Website nicht erreichbar, die Social-Media-Kanäle zeigten schwarze Postings. Wer an diesem Tag versuchte, Mitarbeiter*innen des Kulturzentrums Schlachthof zu erreichen oder die Angebote des Kulturzentrums zu besuchen, hatte schlechte Karten. Der Schlachthof war geschlossen. Unter dem Motto „Geschlossen stehen wir für Vielfalt“ bezog das soziokulturelle Zentrum im Herzen der Stadt ab 14 Uhr vor dem Obelisken in der Treppenstraße Position: für gelebte Vielfalt in der Mitte unserer Gesellschaft und gegen das Erstarken undemokratischer und fremdenfeindlicher Positionen.
Im Kulturzentrum Schlachthof erleben wir, wie Integration tagtäglich funktioniert und gestalten sie aktiv mit. Über die Hälfte unserer rund 160 Mitarbeitenden hat eine Migrationsgeschichte. Unter ihnen sind Lehrkräfte aus Syrien, Peru, Brasilien und der Ukraine, Sozialberater*innen und Betreuer*innen aus dem Irak, Bulgarien, Moldau, Tadschikistan und Kenia, Erzieher*innen aus der Türkei, Marokko und dem Iran, Verwaltungsangestellte aus Eritrea, Tunesien, Kroatien und Marokko, um nur einige Beispiele zu nennen. Menschen mit Migrationsgeschichte aus über 20 Ländern arbeiten Seite an Seite für ein besseres Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Was wäre, wenn unsere Mitarbeitenden, ihre Eltern oder Großeltern – wie manche fordern – vor verschlossenen Grenzen gestanden hätten oder nun das Land verlassen müssten? Die Antwort liefern wir mit dieser Aktion: Das Kulturzentrum Schlachthof wäre nicht existent und rund 1.200 Familien hätten keine Unterstützung, 1.000 Schüler*innen keine Deutschkurse, 250 Arbeitssuchende keine Bewerbungs- und Weiterbildungsangebote, 400 Kinder keine Unterstützung bei der Einschulung, 800 Ratsuchende keine Beratung, 200 verschuldete Menschen keine Hilfestellung, 150 Kinder keine Betreuung, 100 Personen keine rechtliche Betreuung, 70 Rentner*innen keinen Treffpunkt, die Jugendlichen der Nordstadt zwei Anlaufstellen und die Stadtgesellschaft einen interkulturellen Veranstaltungsort weniger.
Migration ist das vorherrschende Thema im Wahlkampf. Die erschütternden Anschläge und Terrorakte der vergangenen Wochen haben uns alle sehr betroffen gemacht. Wir fühlen mit den Angehörigen der Opfer, mit den Verletzten, Betroffenen und Helfenden. Es braucht neue Ansätze und Wege in der Migrationspolitik – das ist offensichtlich, und der Wunsch nach einer schnellen und einfachen Lösung ist nachvollziehbar. Allein die Debatte zu eskalieren und zu pauschalisieren ist jedoch keine. Wenn die Herkunft aus einem anderen Land zu pauschalen Vorverurteilungen führt, tolerieren wir als Gesellschaft damit Fremdenfeindlichkeit, Diskriminierung und Rassismus. Davon werden wir alle betroffen sein: Unsere Gesellschaft ist längst gelebte Vielfalt, unser „Wir" sind Menschen ohne und mit Migrationsgeschichte in der ersten bis x-ten Generation.
Wir sehen uns gemeinsam mit vielen anderen (sozio-) kulturellen und sozialen Institutionen ganz selbstverständlich in der Mitte der Gesellschaft. Wir alle müssen Position beziehen – Demokratie nimmt uns alle in die Verantwortung, Demokratie ist jeden Tag, in jeder Begegnung: In dieser Gesellschaft ist Platz für Unterschiede, für politische Meinungen, für religiöse Glaubensrichtungen, für persönliche Standpunkte und individuelle Lebensentwürfe. Ja, es gibt Probleme und Herausforderungen in der Migrationspolitik. Aber es gibt genauso Erfolge, Bereicherungen und Chancen. Im Vorfeld der Bundestagswahl ist zudem die politische und gesellschaftliche Debatte derzeit thematisch stark verengt. Neben der Migration gibt es viele weitere wichtige Themen wie Frieden, Sicherheit, Arbeit, Wohlstand, Bildung und Gerechtigkeit – und ein sehr grundlegendes: Den Erhalt der Demokratie garantieren demokratische Wähler*innen von demokratischen Parteien.